Mitten in der Innenstadt von Kempten wurde ein denkmalgeschütztes Mehrfamilienhaus umfassend saniert, das seit etwa 1840 über fast zwei Jahrhunderte hinweg gewachsen, verändert und immer wieder erweitert worden war.
Das Gebäude erzählt seine Geschichte nicht durch repräsentative Größe, sondern durch seine Einfachheit. Gerade diese schlichte, historische Bauweise macht seinen besonderen Wert aus: Es zeigt, wie einfache Stadthäuser im 19. Jahrhundert gebaut, genutzt und im Laufe der Zeit weiterentwickelt wurden.
Über Generationen hinweg waren unterschiedliche Bauteile, Materialien und Konstruktionen hinzugekommen. Fachwerk, Holzwände, massive Bauteile und spätere Ergänzungen trafen im Inneren aufeinander. Aus ehemals getrennten Gebäudeteilen war ein zusammengewachsenes Haus entstanden – mit einer entsprechend komplexen, verschachtelten und teils konfus wirkenden Grundrissstruktur.
Hinzu kam ein erheblicher Sanierungsstau. Seit mindestens 60 Jahren war kaum noch grundlegend in das Gebäude investiert worden. Die Wohnungen waren stark abgewohnt, die technische und energetische Qualität entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen.
Die Herausforderung bestand darin, dieses historische Gefüge nicht zu glätten oder zu überformen, sondern seine Eigenart zu verstehen, zu ordnen und behutsam in die Gegenwart zu führen.
Das Gebäude wurde vollständig kernsaniert, statisch ertüchtigt, energetisch überarbeitet und funktional neu organisiert. Die verschachtelten Grundrisse wurden so angepasst, dass vier helle, gut nutzbare Wohnungen entstehen konnten. Dabei blieb der Charakter des Hauses erhalten, während die Räume deutlich klarer, ruhiger und zeitgemäßer wurden.
Besondere Aufmerksamkeit galt den historischen Spuren im Inneren. Freigelegte Fachwerkwände wurden trockeneisgestrahlt und sichtbar in die Wohnräume integriert. So bleibt das Herz des alten Hauses spürbar – nicht als dekoratives Element, sondern als echter Bestandteil seiner Geschichte.
Auch die Bäder wurden individuell gestaltet und bewusst auf den Charakter des Denkmals abgestimmt. Mosaikfliesen, Riemchen an den Wänden und sorgfältig ausgewählte Materialien verbinden historische Anmutung mit moderner Nutzbarkeit.
Die beengte innerstädtische Lage stellte zusätzliche Anforderungen an Planung und Bauausführung. Das Gebäude steht an mehreren Seiten direkt an der Grundstücksgrenze; lediglich nach Süden öffnet sich ein kleiner Gartenbereich. Die Sanierung musste daher unter äußerst begrenzten räumlichen Bedingungen organisiert und umgesetzt werden.
Entstanden ist ein Mehrfamilienhaus, das seine Herkunft nicht versteckt, sondern sichtbar macht. Ein einfaches, fast 200 Jahre altes Stadthaus wurde in seiner Würde erhalten, technisch auf einen neuen Stand gebracht und für zeitgemäßes Wohnen mitten in Kempten neu interpretiert.








